Praxisworkshop 2016

Praxisworkshop: „Wie kann Jungdenken gelingen?“

Sarah Primus, Vorsitzende des Landesjugendrings NRW, begrüßte die Teilnehmenden aus dem Ministerium, von Jugendverbänden, Jugendringen und Verwaltung und weiteren Trägern zum Praxisworkshop. Es handelte sich um die zweite Veranstaltung in der Reihe „Wie kann Jungdenken gelingen?“. 2015 standen die Praxisprojekte, die durch den Landesjugendring NRW gefördert wurden, im Mittelpunkt sowie ein politikwissenschaftlicher Blick mit Tipps für die Jugendarbeit von Werner Lindner.

Vortrag zur gesellschaftspolitischen Partizipation

Sonja Preissing (Universität Köln) führte mit ihrem Vortrag „Die Jugendproteste in Köln-Kalk als Beispiel für gesellschaftspolitische Partizipation. Eine verpasste Chance für Politik und Jugendarbeit?“ in die Fragestellung ein. In Köln-Kalk waren nach der Tötung eines Jugendlichen und dem aus der Perspektive vieler anderer Jugendlicher intransparenten und falschen Umgang hiermit Treffen und Proteste entstanden. In ihrem Vortrag bezog sich Sonja Preissing auf die Ergebnisse einer Untersuchung der Proteste und der Reaktionen, an der sie mitgewirkt hat (s.: Bukow, Ottersbach, Preissing, Lösch 2013: Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft). Sie machte darauf aufmerksam, dass ein defizitärer Blick auf die Jugendlichen vorgeherrscht hat. Sonja Preissing beschrieb auch den selbstkritischen Blick der Jugendlichen. Sie bemerkten, dass es über die Proteste hinaus einer Formulierung von Forderungen bedurft hätte, um sich Politik verständlich zu machen. Die negativen Zuschreibungen durch Erwachsene finden sich häufig in Selbstzuschreibungen Jugendlicher wieder, die durch das negative Bild entmutigt werden. Den Jugendlichen ging es laut Preissing um Sichtbarkeit und darum, den öffentlichen Raum für sich zu nutzen. Erwachsene reagierten darauf häufig mit Angst und Unverständnis, es gab jedoch auch Unterstützende. Dem Bedürfnis nach Teilhabe und Gerechtigkeit der Jugendlichen wurde mit Angeboten der Jugendarbeit wie einem Hip Hop-Workshop und einem Anti-Gewalttraining begegnet.

Die Teilnehmenden diskutierten anschließend zu folgenden Fragestellungen:

  •  „Wie kann politisches Handeln Jugendlicher durch Lobbyarbeit sichtbar gemacht werden?“ mit Sarah Primus, Landesjugendring NRW
  • „Wie können Anschlüsse in der Jugendverbandsarbeit für marginalisierte Jugendliche aussehen?“ mit Sonja Preissing, Universität Köln
  • „Was können Politik und Verwaltung zu gelingenden Partizipationsprozessen Jugendlicher beitragen?“ mit Jürgen Schattmann, Ministerium für Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW

 

 

Fischbowl-Diskussion

Die erarbeiteten Aspekte wurden in eine Fishbowl-Diskussion eingebracht. Grundsätzlich müssen die Fragen von Armut und mangelnder Teilhabe gesamtpolitisch angegangen werden, z.B. auch in der Stadtentwicklungspolitik.

In der Diskussion wurde hervorgehoben, dass Integrationszusammenhänge unterschiedlicher Milieus geschaffen werden müssten, nicht nur, aber auch im schulischen Bereich. Dies würde Teilhabe und Partizipation stärken, da junge Menschen voneinander und der jeweils verschiedenen Lebenswelt lernen können. Marginalisierte junge Menschen haben es häufig schwer, sich in etablierte Beteiligungsformate einzubringen. Es fehlt ihnen an sozialem Kapital. Auf der anderen Seite müssen Formen des Ausdrucks junger Menschen als solche auch anerkannt werden, wie z.B. die Proteste in Köln-Kalk.

Jugend(verbands)arbeit kann in der Lobbyarbeit für dieses Anliegen aktiv werden. Es braucht eine Vermittlung zwischen Sprache und Logik der Politik und der von Jugendlichen in ihrer Vielfalt. Vernetzung, Netzwerkarbeit und Kontinuität sind hierfür elementar. Die Ausstattung und Wertschätzung von Sozialer Arbeit entspricht häufig nicht diesem Anspruch. Dies ist jedoch wichtig, damit für alle Seiten nachhaltige Erfolgserlebnisse geschaffen werden können. Wichtig ist das Feedback an die Jugendlichen, wie unter anderem das Praxisprojekt in Kooperation mit dem Solinger Jugendring gezeigt hat. Zudem müssen Politik und Verwaltung von ihren gewohnten „Komm-Strukturen“ auf „Geh-Strukturen“ umstellen.

In ihrer Arbeit organisieren Jugendverbände bereits häufig einen ökonomischen Ausgleich, um Teilnahme am Verbandsleben zu ermöglichen. Darüber hinaus braucht es ein aktives Bemühen darum, dass junge Menschen aus marginalisierten Milieus Verantwortung auch in Vorständen und der Repräsentation der Verbände übernehmen können. Hier und insgesamt braucht es Anregungen für Meinungsbildungsprozesse.

In NRW gibt es mit dem § 6 3. AG KJHG eine gute Grundlage für eine weitreichende Beteiligung junger Menschen auf Ebene der Kommune. Allerdings ist noch nicht überall angekommen, dass junge Menschen ein Recht auf Beteiligung haben. In der Debatte wird ergänzend darauf hingewiesen, dass politische Willensäußerung sich nicht direkt in organisierten Beteiligungsverfahren äußern muss. Selbstorganisation ist ein wichtiges, stärkendes Moment.

 

 

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